Letzte Aktualisierung:
07. 11. 2017

 

Top 150 Briefmarken

 

Die Hälfte der Welt

In zehn der 15 Mitgliedsverbände des BDPh und in drei der vier Verbände auf Bundesebene bleiben die Männer unter sich.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

„weil wir im Jahr 2015 leben“. Justin Trudeau, liberaler Ministerpräsident von Kanada, fand klare Worte, weshalb sein Kabinett zur Hälfte mit Frauen und zur Hälfte mit Männern besetzt ist. 2015 hatte er die Unterhauswahlen klar gewonnen und ebenso deutlich demonstriert, wie man die Führung eines modernen Industriestaates zeitgemäß aufstellt. Anderswo sitzen Frauen sogar den Kabinetten vor, in Norwegen, Großbritannien und Polen zum Beispiel, und auch in Mecklenburg-Vorpommern und der Bundesrepublik Deutschland bekleiden Frauen die Spitzenpositionen in der jeweiligen Regierung.

Die Philatelie scheint dagegen zu Beginn des 20. Jahrhunderts steckengeblieben zu sein, als man huldvollst den Frauen gestattete, wenigstens bei Wahlen ihre Stimmen abzugeben. Ob in den Vorständen von Vereinen oder Verbänden – fast überall bleiben die Männer unter sich. Zehn der 15 Mitgliedsverbände des BDPh kennen nicht eine einzige Frau im Vorstand: Bayern, Berlin-Brandenburg, Mittelrhein, Niedersachsen, Norddeutschland, Saarland, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Südwestdeutschland und Thüringen.

In Hessen, Rhein-Main-Nahe bekleidet Gertrude Almquist-Bois den stellvertretenden Vorsitz und betreut die Fachstelle Forschung und Literatur, in Nordrhein-Westfalen leitet Gudula Uebber das Ausstellungswesen, und in Elbe-Weser-Ems verwaltet Christine Hennings die Kasse. Der Verband Philatelistischer Arbeitsgemeinschaften und die Deutsche Philatelisten-Jugend beriefen in Ingrid Kohlhagen und Gabriele Lennartz Geschäftsführerinnen.

Auf Bundesebene ist der BDPh einzigartig. Dem Bundesvorstand gehört Helma Janssen als Beisitzerin an. Der Fachhändlerverband APHV, der Bundesverband Deutscher Briefmarkenversteigerer und der Bund Philatelistischer Prüfer verzichten dagegen auf die Hälfte der Welt. In den Ortsvereinen und Arbeitsgemeinschaften schaut es in der Regel nicht besser aus als in den Dachverbänden und ihren Unterorganisationen.

Da verwundert es kaum, dass nur wenige Frauen in die Philatelie finden. Widmen sie sich diesem Hobby, bleiben sie oftmals den Vereinen fern. Sie spüren nämlich genau, dass die Männer am liebsten unter sich bleiben würden. Also ziehen sie die Konsequenzen und verzichten auf die Mitgliedschaft.

Nun mag der eine oder andere einwenden, wenn nur fünf Prozent der Mitglieder des BDPh weiblich sind, dann genüge es, wenn Frauen fünf Prozent der Ämter bekleiden. Dies ist so banal wie falsch und außerdem kontraproduktiv. Jeder weiß, dass man neue Mitglieder nur gewinnt, wenn man auf sie zugeht. Mit mindestens einer Frau im Vorstand zeigt man, dass man die Zeichen der Zeit erkannt hat. In der Politik ist das der Fall; Frauen erreichen längst Führungspositionen, auch wenn sie in den Parlamenten noch meistens in der Minderheit bleiben. Wann wird die organisierte Philatelie erwachen? Das Jahr 2015 ist schon wieder eine Weile vorbei ...

Torsten Berndt

Quelle: Briefmarken Spiegel 9/2017

(24.8.2017)