Historie, Gegenwart, Menschliches und Sammlerleidenschaft
Markkleeberg historisch
Der „Damhirsch“ in Zöbigker ist auch in Australien bekannt
Historie, Gegenwart, Menschliches und Sammlerleidenschaft
Was ist interessanter, die Geschichte von Adressen und Gebäuden oder von Leuten, die dort wohnten und nun über die Jahre meist in alle Winde verstreut leben oder mitunter schon verstorben sind?
Die Antwort ist sicher so vielfältig, wie diese Frage vielleicht einen zu großen Rahmen vorgibt. Aber da sind die kleinen Zufälle, die keine Antwort schuldig bleiben. Einen solchen, rund um den „Damhirsch“, gab es dieser Tage. Ich mittendrin, also dabei, und kann somit etwas darüber aufschreiben.
Zunächst: Wer sich in der Tierwelt nicht so auskennt, dem sei gesagt, dass der Damhirsch in Mittel- und Südeuropa einmal weit verbreitet war und sehr gern von den Gutsbesitzern gejagt wurde, viele wollten sich eine Trophäe ins noch so kleine Schloss hängen. Wie das auf dem Rittergut Zöbigker bei den Herren Kees aussah, entzieht sich meiner Kenntnis, aber Johann Jacob Kees d. J. kaufte 1714 dieses Gut und etwas später auch das Mühl- und Hammergut an der Batschke. Als Leipziger Ratsbaumeister stimulierte er in diesem grünen Vorort bald eine rege Bauerei, errichtete beispielsweise eine Brauerei und logischerweise den dazu passenden „Gasthof zum Weißen Damhirsch“.
Dass selbiger eine bewegte, inzwischen ruinöse Geschichte über die Jahrhunderte hat, ist sehr vielen bekannt. Aber: Es gibt ihn seit einigen Jahren wieder, den kleinen „Damhirsch“ an der Koburger Straße, wenngleich den mit dem legendären nur noch die Adresse verbindet. Wenn schon Mauern nicht überleben, dann können Menschen etwas lebendig erhalten. In einem alten Adressbuch steht zum Beispiel Erich Gründling als einer der Damhirsch-Gastwirte, mit der Telefonnummer 77 342, das war damals durchaus etwas Besonderes.
Dieser Tage nun hatte ich eine persönliche Begegnung mit Christine van Ratingen, einer geborenen Gründling. Welch schöner Zufall, denn ihre Eltern besaßen den „Damhirsch“ von 1939 bis 1953. So erzählte sie mir auch über jene Zeit, die sie als Kind erlebte und später oft mit den Eltern darüber gesprochen hatte. Im einstigen Tanzsaal des „Damhirsch“ waren während des Zweiten Weltkrieges polnische und tschechische Fremdarbeiter untergebracht. Sie mussten auf dem Rittergut und in den Junkerswerken arbeiten.
Das Internet macht es nun Jahrzehnte später möglich, es kam zunächst ein Kontakt mit Jan Holik jun. aus Tschechien zustande, dessen Vater gehörte zu den damaligen Damhirsch-Gefangenen. Der nunmehr fast 87-Jährige nahm diese Reise in eine bittere Vergangenheit auf sich. Er und Frau van Ratingen trafen sich im neuen „Damhirsch“, und der seinerzeit knapp 20-Jährige konnte sich sogar an die kleine Tochter des Wirtes erinnern, die mitunter im Saal herumtollte. Situationen und Erinnerungen überdauern, selbst wenn die Mauern, in denen sich alles abspielte, längst nicht mehr vorhanden sind.
Vor elf Jahren erhielt die Tochter das Eigentum der Eltern zurück, als letzte Überlebende der Familie. Das neue kleinere Lokal vermietet sie inzwischen, denn sie lebt seit langem in Nordrhein-Westfalen. Aber Zöbigker und das Umfeld bis hin zur Fahrradkirche liegen ihr noch immer sehr am Herzen und ... Briefmarken. Wenige Tage nach dem Besuch von Jan Holik war ihre Gaststätte deshalb Ziel von sehr munteren Frauen unterschiedlichen Jahrgangs sowie vereinzelter Herren, die ein Jubiläum feiern wollten. Man fuhr dazu, quer aus allen Ecken Deutschlands, Richtung Koburger Straße, sogar aus dem fernen Australien sagte sich eine Sammlerin an. Und hiermit bin ich bei meinem letzten Stichpunkt, der Sammlerleidenschaft angelangt.
Es war 1986 im September, vor genau 25 Jahren, da gab es in der damaligen BRD einen neuen Verein, der hatte mit Briefmarken zu tun. Im einem Fachblatt, dem „Briefmarkenmagazin“ stand dazu: Ein Briefmarkenverein ganz besonderer Art stell! sich vor. Er heißt „Frau und Philatelie“ und hat als Mitglieder Frauen und Mädchen aus aller Welt und jeder Altersklasse, die Spaß am Briefmarkensammeln haben. (...) Besonders würden sich die Initiatoren freuen, wenn auch Mitglieder aus der DDR dazustoßen würden.
Die Gründung des Vereins fand seinerzeit in der Weser-Ems-Halle in Oldenburg statt. Viel ist inzwischen nicht nur in punkto Sammlerleidenschaft passiert. Das Jubiläum wurde, 25 Jahre später, zünftig in Markkleeberg-Zöbigker im „Damhirsch“ begangen. Dabei auch eine Sammlerin, die heute in Australien lebt, und somit den weitesten Weg hatte, ihr Name Heidi (...), geboren in Borna. Dass auch Männer im Verein zugelassen sind, deutet auf freundliche Toleranz. Der Ortschronist war schließlich auch anwesend, hat sich an diesem Abend wohlgefühlt, die Weitgereisten an Markkleeberger Daten erinnert, die mit Postalischem zu tun haben. Dabei fiel ihm so ganz nebenbei wieder ein, dass seine eigene Briefmarkensammlung, die er als kleiner Junge mal begonnen hatte, inzwischen verstaubt ist.
Michael Zock / Stadtchronist
(Markkleeberger StadtNachrichten Nr. 10 Oktober 2011)


